Frühzeitigere Augenuntersuchungen bei Prädiabetes sinnvoll
Menschen mit Prädiabetes, die nach den Kriterien der American Diabetes Association (HbA1c 5,7 – 6,4 %) diagnostiziert wurden, zeigten häufiger Mikroangiopathien wie Retinopathie als jene, die nach den strengeren internationalen Kriterien (HbA1c 6,0 – 6,4 %) klassifiziert wurden. Die Studienlage deutet darauf hin, dass ein früheres Screening auf Netzhautveränderungen ab einem HbA1c-Wert von 5,7 % sinnvoll sein könnte, um diabetische Komplikationen zu vermeiden.
Die Prävalenz von Prädiabetes nimmt weltweit zu und birgt ein erhöhtes Risiko für mikroangiopathische Komplikationen. Nach den Kriterien der American Diabetes Association (ADA) liegt Prädiabetes bei einem HbA1c-Wert von 5,7 – 6,4 % (entspricht 39 – 46 mmol/mol) vor, während das International Expert Committee (IEC) einen engeren Bereich von 6,0 – 6,4 % (42 – 46 mmol/mol) empfiehlt. Ziel dieser Metaanalyse war es, festzustellen, ob es spezifische HbA1c– oder Nüchternblutzucker-Grenzwerte gibt, oberhalb derer das Risiko für Mikroangiopathien bei Menschen mit Prädiabetes steigt.
Blutzuckerrisiko für die Augen – Früh genug erkannt?
Es wurden alle relevanten Studien zu Prädiabetes aus den Datenbanken Embase, MEDLINE, Scopus, Cochrane und CINAHL von 1990 bis Mai 2023 ausgewertet, sofern sie Daten zu Retinopathie, Nephropathie und/oder Neuropathie enthielten.
Systematischer Review mit Metaanalyse zu Prädiabetes und Mikroangiopathien
Von insgesamt 21 215 identifizierten Studien wurden 35 in die finale Analyse einbezogen. Die Prävalenz und Inzidenz von Retinopathie war bei Anwendung der ADA-Kriterien deutlich höher (Mittelwertdifferenz, MD: 2,37; 95 % Konfidenzintervall, KI: 2,31 – 2,43) als bei den IEC-Kriterien (MD: 1,32: 95 % KI: 1,25 – 1,40). Die Receiver-Operator-Curve-Analyse zeigte für die IEC-Kriterien eine Sensitivität von 65,3 % und eine Spezifität von 88,0 % bei einer AUC (Area Under the Curve) von 0,88. Für die ADA-Kriterien bei einem Schwellenwert von 5,9 % lag die Sensitivität bei 77,5 %, die Spezifität bei 78,4 % und die AUC bei 0,73.
Mehr Retinopathien nach ADA-Kriterien, unzureichend Daten zu Nephro- und Neuropathie
Keine der analysierten Studien berichtete die Häufigkeit von Nephropathie oder Neuropathie anhand der IEC-Kriterien. Für andere HbA1c– oder Nüchternblutzucker-Schwellenwerte lag die berichtete Nephropathie-Prävalenz zwischen 1,0 % und 15,0 %. Die Datenlage zu diesen Komplikationen bleibt insgesamt unzureichend.
ADA-Kriterien könnten frühzeitige Diagnose von Retinopathie ermöglichen
Die Ergebnisse der Metaanalyse deuten darauf hin, dass die ADA-Kriterien (HbA1c 5,7 – 6,4 %) empfindlicher für die Früherkennung von Retinopathie bei Menschen mit Prädiabetes sind als die strengeren IEC-Kriterien (6,0 – 6,4 %). Eine augenärztliche Vorsorgeuntersuchung könnte laut der Studienautoren bereits ab einem HbA1c-Wert von ≥ 5,7 % in Betracht gezogen werden. Weitere Studien zur Untersuchung von Nephropathie und Neuropathie bei Prädiabetes sind dringend erforderlich.
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Autor: Thiab S, Akhal T, Akeblersane M, Sheth H, Atkin SL, Butler AE. Microvascular complications in prediabetes: a systematic review & meta-analysis. Diabetes Res Clin Pract. 2025 Jul;225:112261. doi: 10.1016/j.diabres.2025.112261. Epub 2025 May 24. PMID: 40419194.
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