Kieler Forscherin untersucht, wie sich das Wohlbefinden der Betroffenen stärken lässt.

Alljährlich im Mai feiern viele Familien den Muttertag. Kleine Kinder malen Bilder für ihre Mutter, große Kinder schenken Blumen. Doch es gibt auch andere Lebenswirklichkeiten, die wenig Aufmerksamkeit bekommen: etwa Frauen und Paare, die sich wegen Kinderlosigkeit behandeln lassen und nicht wissen, ob sich ihr Lebenstraum erfüllen wird. Wo finden sie emotionale Unterstützung von anderen Betroffenen? Oft in den sozialen Medien, wie Sarah Köcher von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) erforscht hat. „In solchen sensiblen Situationen informieren sich Betroffene gern online und tauschen sich dort aus. Denn in unserer Gesellschaft wird wenig über unerfüllten Kinderwunsch gesprochen – das ist immer noch ein Tabuthema“, sagt die Professorin für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Digitales Marketing.

Zusammen mit Forschenden aus Dortmund, Magdeburg und Witten/Herdecke hat Köcher rund 70 YouTube-Videos von Vloggerinnen – kurz für Video-Bloggerinnen – sowie mehr als 40.000 Kommentare der Nutzerinnen analysiert. Die Vloggerinnen erzählen ganz lebensnah etwa wie eine Kinderwunschbehandlung funktioniert, welche verschiedenen Möglichkeiten es gibt und wie es sich anfühlt, wenn man sich Hormone spritzt. Manche haben Follow-me-arounds gedreht, haben also die Nutzerinnen mit in die Behandlungsräume genommen, ihnen gezeigt, wie es dort aussieht, und in Interviews mit Ärztinnen und Ärzten medizinische Informationen eingesammelt. „Diese Vlogs erfüllen wichtige Bedürfnisse der Nutzerinnen nach Information, emotionaler Unterstützung und Erfahrungsaustausch“, erläutert Sarah Köcher. „Das stärkt die Betroffenen, denn unerfüllter Kinderwunsch ist eine große emotionale Belastung. Zudem tragen solche Formate zur Enttabuisierung des Themas bei und sensibilisieren die Gesellschaft.“

Ein paar Beispiele: „Liebe Mel, du hast keine Ahnung (oder vielleicht doch?!; -)), wie sehr du anderen Frauen mit deinen Videos und deiner Persönlichkeit, die ich sehr bewundere, hilfst!!! :-)“ und „Ich kann deine Gefühle sehr gut nachempfinden. Mein Mann und ich versuchen nun schon seit fast 7 Jahren ein Kind zu bekommen. Angst, das Unbekannte, Hoffnung, gemischt mit Vorfreude und Aufregung.“ Eine Vloggerin ermutigt dazu, sich medizinische Hilfe zu suchen: „Und vor allem für Frauen, die sich nicht trauen in eine Kinderwunschklinik zu gehen, weil ihre Eltern das so sagen, weil die Kultur ihnen das irgendwie beigebracht hat oder ganz allgemein – hört nicht auf sie. Was ist falsch daran, in eine Kinderwunschklinik zu gehen?“

Nach zwölf Monaten erfolgloser Versuche, auf natürlichem Weg schwanger zu werden, spricht man von Unfruchtbarkeit. Dann sollten Paare in eine Kinderwunschklinik gehen, denn je früher eine Behandlung beginnt, desto weniger kompliziert ist sie eventuell und desto größer sind die Erfolgschancen. Viele Paare warten allerdings oft Jahre, weil sie Angst haben, die Möglichkeiten nicht kennen und sich die Behandlung nicht vorstellen können – und verringern mit zunehmendem Alter ihre Chancen, Eltern zu werden. Sarah Köcher betont: „Soziale Medien können dabei unterstützen, dass Paare sich frühzeitig behandeln lassen. Es wird greifbarer, wenn Personen darüber berichten, die das selbst durchlebt haben.“ Die Wissenschaftlerin empfiehlt daher Anbietern von Kinderwunschbehandlungen, auch mit Influencerinnen zusammenzuarbeiten.

Banges Warten auf das Ergebnis

In einer neuen Studie will Sarah Köcher zusammen mit weiteren Forschenden nun untersuchen, wie Paare die Zeit des Wartens überstehen. Also die Zeit zwischen der Behandlung und dem Ergebnis: schwanger oder nicht schwanger? Das kann von Zuversicht und Vorfreude bis Angst und Verzweiflung eine Achterbahnfahrt der Gefühle sein. Statistisch liegt die Erfolgschance pro Versuch bei 30 Prozent. Wie jede und jeder Einzelne damit umgeht, hängt stark von der persönlichen Einstellung ab. Diese kann eher positiv oder eher negativ sein. Nach erfolglosen Versuchen kann Optimismus auch schnell in Pessimismus umschlagen. „Bei negativer Erwartung braucht es Bewältigungsstrategien, damit das Wohlbefinden der Betroffenen gestärkt wird und sie die Behandlung nicht zu früh abbrechen“, erläutert Köcher. „Der emotionale Druck ist teilweise so hoch, dass viele Paare nach ein oder zwei Versuchen aufgeben, obwohl mit jedem weiteren Versuch die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden steigt.“

Erste Interviews lassen erahnen, was Betroffene häufig tun, um die quälende Wartezeit zu bewältigen. Manche haben einen hohen Informationsbedarf und wollen beispielsweise alles über mögliche Zusatzpräparate wissen, die zur Schwangerschaft und deren Erhalt beitragen können. Andere wollen am liebsten nicht darüber sprechen und suchen Ablenkung. Einige versuchen wiederum, das Geschehen allein emotional zu verarbeiten, weil sie womöglich auch gar nichts von speziellen psychologischen Beratungsangeboten wissen. Eventuell nutzen Betroffene noch andere Bewältigungsstrategien – das werden die Forschenden herausfinden. Ebenso, inwieweit die einzelnen Strategien das Wohlbefinden der Betroffenen tatsächlich stärken können. „Unsere Arbeit soll dazu beitragen, dass das Thema Kinderwunsch in der breiten Gesellschaft sensibel behandelt wird und Menschen sich frei fühlen, darüber zu sprechen. Das reduziert den emotionalen Druck“, betont Sarah Köcher. Eine Enttabuisierung täte auch Menschen gut, die keine Kinder wollen oder denen schlicht der Partner oder die Partnerin fehlt – Kinderlosigkeit haften so manche Vorurteile wie Egoismus oder Scheu vor Verantwortung an.

Text: Daniela Schmidt

Originalpublikation:

Grothaus, J., Köcher, S., Köcher, S. and Dieterle, S. (2023), “#infertility: how patients can benefit from the public discussion of conversational taboos on social media”, Journal of Services Marketing, Vol. 37 No. 7, pp. 944-956.
https://doi.org/10.1108/JSM-05-2022-0160

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