Bei immer mehr Paaren mit Kinderwunsch lässt der Eintritt der Schwangerschaft auf sich warten und mit jedem Monat wird die emotionale Belastung stärker. In dieser Situation sind zuverlässige Informationen besonders wichtig. Wir haben mit einem Experten darüber gesprochen, worauf es in dieser Situation ankommt, welche Hilfsmittel sinnvoll sind und welche modernen Behandlungsmethoden es gibt. Und wir möchten Paare ermutigen, sich vertrauensvoll an die Gynäkologin bzw. den Gynäkologen oder an ein Kinderwunschzentrum zu wenden.

Dr. med. David Sauer
Facharzt für Gynäkologie mit Schwerpunkt Endokrinologie und Reproduktionsmedizin,
Kinderwunschzentrum Ulm

Natürlich schwanger werden – welche Hilfsmittel sind empfehlenswert

Wenn sich ein Kinderwunsch einstellt, beschäftigen sich viele Frauen mit den körperlichen Veränderungen während ihres Zyklus und mit den unterschiedlichen – auch app- und computergestützten – Methoden, um ihre fruchtbaren Tage zu ermitteln. Bei diesen Verfahren wird anhand der Beschaffenheit des Zervixschleims (Schleim, der vor der Öffnung des Muttermundes sitzt), durch die Messung der Körpertemperatur sowie Hormontests der Zeitpunkt des Eisprungs bestimmt. „Sehr bekannt sind ja z. B. Eisprungtests, Zyklusapps und das Ermitteln der fruchtbaren Tage anhand des Zervixschleims. Das sind auch gerade in der frühen Phase des Versuchens, schwanger zu werden, sinnvolle Hilfsmittel“, so Dr. Sauer. Allerdings fügt er einschränken hinzu: „Die Wahrscheinlichkeit oder die Zuverlässigkeit, schwanger zu werden, lässt sich mit diesen Methoden nicht deutlich erhöhen. Wenn also nach einem Jahr noch keine Schwangerschaft eingetreten ist, sollten diese Hilfsmittel daher eher zurücktreten.“

Bei der Vielzahl der Informationsmöglichkeiten und angepriesenen Hilfsmittel fällt es schwer, die Orientierung zu behalten. Hinzu kommt, dass viele Quellen keine wissenschaftlich fundierten Informationen liefern. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich nach wie vor viele Mythen rund um das Thema Schwangerwerden ranken. Dazu gehören laut Dr. Sauer z. B. Tageszeiten für den zyklusoptimierte Geschlechtsverkehr oder Positionen und Techniken, die die Rate erfolgreicher Schwangerschaften erhöhen sollen. Wichtig ist aus seiner Sicht, dass sich Paare nicht verunsichern lassen – zumal es sich meist um pseudowissenschaftliche Herangehensweisen handelt.

Sehr gute Informationen zum Thema „schwanger werden“ liefern z. B. folgende Seiten:

https://www.familienplanung.de/verhuetung/verhuetungsmethoden/natuerliche-methoden/technische-hilfsmittel-zur-berechnung-des-eisprungs/

https://www.netdoktor.de/kinderwunsch/schwanger-werden/

https://www.frauenaerzte-im-netz.de/familienplanung-verhuetung/natuerliche-familienplanung/fruchtbare-tage-selbst-bestimmen-methoden/

Fragen, die sich Paare mit Kinderwunsch häufig stellen: (Flyckt R 2019)

Wie oft sollten wir Sex haben?
Besonders hoch ist die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, am Tag des Eisprungs und 24 Stunden danach. Da Spermien bis zu drei Tage im weiblichen Körper überleben können, ist die Wahrscheinlichkeit ebenfalls hoch, wenn das Paar ein bis zwei Tage vor dem Eisprung miteinander schläft. Experten empfehlen bei einem 28-Tage-Zyklus Sex an jedem zweiten Tag zwischen dem neunten und 18. Zyklustag (https://www.familienplanung.de/wartezeiten/ abgerufen am 06.09.2021. Faller A 2020). 

Wirken sich Veränderungen des Lebensstils positiv auf die Empfängniswahrscheinlichkeit aus?
Paare mit Kinderwunsch können die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft steigern, indem sie ein normales Körpergewicht anstreben, den Alkoholkonsum beschränken sowie Rauchen und Drogenkonsum vollständig einstellen.

Was bringen Apps & Co? (Frank-Herrmann J Gynäkol Endokrinol 2021, Grenfell Soc Health Illness 2021, Freis Front Public Health 2018)
Das Timing sexueller Aktivität stellt nur selten den Grund für einen unerfüllten Kinderwunsch dar. Trotz intensiver Werbung für Hormontests und elektronische Hilfsmittel liegen nur selten belastbare Daten zur Wirksamkeit vor. Die Untersuchung des Zervixschleims, insbesondere zusammen mit Temperaturmessungen (symptothermale Methode) erlaubt bereits eine zuverlässige Planung des Geschlechtsverkehrs. Die Unterstützung durch eine App empfinden die Nutzerinnen als medizinisches Hilfsmittel, das Wissen vermittelt und sie auf natürlichem Weg unterstützt.

Wie lange sollte man versuchen schwanger zu werden, bevor man ärztlichen Rat sucht?

Unabhängig vom Alter entstehen die meisten Schwangerschaften innerhalb der ersten 6-12 Monate, berichtet Dr. Sauer. Die meisten Frauen (75–80 %) sind also innerhalb eines Jahres schwanger. Im folgenden Jahr kommt zwar noch eine gewisse Anzahl an Schwangerschaften hinzu, anschließend stagniert die Zahl aber. Die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, liegt pro Zyklus dann unter ein Prozent, weil dann meist medizinische Gründe vorliegen, die das Schwangerwerden verhindern.

Viele Paare schöpfen dennoch in jedem Zyklus neue Hoffnung, um dann enttäuscht zu werden. Sie schieben den Arztbesuch mit dem Argument „Wir nehmen uns noch ein wenig Zeit, das klappt schon noch“ immer weiter hinaus. Wie die Ausführungen von Dr. Sauer verdeutlichen, ist dies keine sinnvolle Strategie.

Eine Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigt, dass Frauen und Männer beim Thema Kinderwunsch zu wenig Hilfe suchen: Auch wenn sie viele Jahre vergeblich auf ein Kind hoffen, hatten 44 % der Frauen und 55 % der Männer noch nie den Gedanken, dass es ohne Kinderwunschbehandlung mit dem eigenen Kind möglicherweise nicht klappen könnte. Insgesamt nahmen nur 25 % der ungewollt kinderlosen Frauen und 20 % der Männer ärztlichen Rat zur Abklärung möglicher Ursachen in Anspruch (BMFSFJ 2020).

Schwanger werden: Erfolgsaussichten anhand eines Fallbeispiels

Ein Paar, die Frau ist 33, der Mann 38, versucht seit 6 Monaten schwanger zu werden. Bei der Frau sind bisher keine medizinischen Gründe für eine Infertilität bekannt. Sie hat einen regelmäßigen Zyklus. Laut Dr. Sauer hat das Paar, wenn keine medizinischen Hinderungsgründe vorliegen, gute Chancen schwanger zu werden. Zum einen, weil die Frau gemessen an den Patienteninnen, die üblicherweise ins Kinderwunschzentrum kommen, jung ist. Zum anderen sind sechs Monate ein Zeitraum, in dem Schwangerschaften immer noch spontan entstehen können. Auch das Alter des Partners stellt keinen Hinderungsgrund dar. Nach einem Jahr empfiehlt er in diesem Fall, ein Kinderwunschzentrum aufzusuchen, denn „für die beiden kann man dort sicher etwas bewegen.“

Wann ist der Gang zum Arzt empfehlenswert?

Nach einem Jahr kann es sinnvoll sein, mit medizinischer Diagnostik zu beginnen, entweder beim behandelnden Frauenarzt oder vielleicht auch schon einen Schritt weiter in einem Kinderwunschzentrum. Je jünger eine Patientin ist, desto eher kann man die Spanne von einem Jahr noch etwas verlängern. Wenn eine Patientin allerdings bereits 37 Jahre oder älter ist, macht es keinen Sinn, deutlich länger als ein Jahr zu warten.

Familienplanung und Familiengründung: Gibt es ein optimales Alter dafür?

Das lässt sich nach Auffassung von Dr. Sauer nicht verallgemeinern. In den Industrienationen beobachten Ärzte seit Jahren, dass die Frauen immer später Kinder bekommen. In Deutschland sind die Frauen bei ihrem ersten Kind durchschnittlich 30 Jahre alt (Statistisches Bundesamt 2021). Bekannt ist, dass sich die überwiegende Zahl der Frauen Kinder wünscht – daran hat sich nichts geändert. Die beste Zeit für eine Empfängnis liegt aus medizinischer Sicht bei Anfang bis Mitte 20. Bis zu einem Alter von 27/28 Jahren beträgt die Chance pro Zyklus schwanger zu werden, ca. 27-28 % – das wird gerne überschätzt. Ab Ende 20 nehmen die Chancen pro Zyklus, schwanger zu werden langsam ab. Bis Mitte 30 sinken die Chancen messbar und ab Mitte 30 deutlich ab. Dr. Sauer fasst zusammen: „Die optimale Zeit für eine Familiengründung liegt zwischen Anfang / Mitte 20 und Mitte 30.“

Erhalt der Fruchtbarkeit durch Einfrieren von Eizellen

Das Einfrieren von Eizellen, um die Fruchtbarkeit zu erhalten (Fertilitätsprävention), ist eine interessante Option – vor allem dann, wenn die Lebensumstände die Familienplanung immer weiter nach hinten verschieben.

Das Einfrieren von Eizellen kann aus medizinischen Gründen, etwa vor einer Krebsbehandlung (Medical Freezing) erfolgen. Liegt keine medizinische Indikation vor, spricht man in Fachkreisen von Elective Egg Freezing, in den Medien oft von Social Freezing. Der Begriff Social Freezing erlangte wegen der damit häufig verbundenen Life-Style- und Karriere-Gründe einen zweifelhaften Ruf (https://medicalforum.ch/de/detail/doi/smf.2019.08391, abgerufen am 07.09.2021, Feiler J 2018). Zu Unrecht, wie sich in der Praxis zeigte.

Diese Erfahrung teilt auch Dr. Sauer: „Entgegen der Annahme, für dieses Angebot interessierten sich vor allem Frauen, die zunächst Karriere machen wollten, hat sich in der Praxis herausgestellt, dass es vor allem Frauen sind, die keinen geeigneten Partner hatten.“

Elective Egg Freezing: Den Kinderwunsch auf Eis legen (Chronopoulou 2021, Varlas 2021)

  • Elective Egg Freezing stellt eine Möglichkeit dar, die natürliche Fruchtbarkeit durch das Einfrieren von Eizellen zu erhalten. Die Zahl der eingefrorenen Eizellen richtet sich nach den individuellen Gegebenheiten – Alter, Gesundheitszustand und Eizellreserve.
  • Um die Eizellen zu gewinnen, erfolgt eine kontrollierte Stimulation der Eierstöcke mit anschließender Eizellentnahme.
  • Die gewonnenen Eizellen werden einem ultraschnellen Einfrierverfahren, der sogenannten Vitrifikation, unterzogen.
  • Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass die meisten Frauen ihre Entscheidung für das Elective Egg Freezing nicht bereuten und anderen Frauen weiterempfehlen würden.

Auf die Frage nach dem optimalen Zeitpunkt für ein Elective Egg Freezing antwortet Dr. Sauer: „Das Zeitfenster sollte so gewählt werden, dass noch möglichst viele Eizellen vorhanden sind und das Abrufen der Eizellen für die Paare in einem realistischen Zeitraum liegt. Zwischen Mitte 20 und (spätestens) Mitte 30 wäre optimal für das geplante Einfrieren von Eizellen.“

Das Elective Egg Freezing erfreut sich besonders in sog. Schwarmstädten (Begriff aus der Epidemiologie, mit dem die Ansammlung junger Menschen in Städten gemeint ist) einer großen Beliebtheit, um die Familiengründung um einige Jahre (2-5 Jahre) hinauszuschieben.

Welche Möglichkeiten hat der Gynäkologe vor Ort, wenn nach einem Jahr keine Schwangerschaft eingetreten ist?

Die behandelnde Gynäkologin bzw. der Gynäkologe kennt die Patientin gut und ist daher meist die oder der erste Ansprechpartner. Sie können die anatomischen Gegebenheiten untersuchen, etwa durch eine Ultraschalluntersuchung der Fortpflanzungsorgane im kleinen Becken (Gebärmutter, Eierstöcke), das Zyklusgeschehen evaluieren und Begleiterkrankungen, die das Schwangerwerden akut oder zukünftig beeinträchtigen können, erkennen oder ausschließen. Dazu gehört z. B. die Endometriose, die bei vielen jungen Frauen auftritt. Pro Jahr werden in Deutschland etwa 40.000 Neuerkrankungen diagnostiziert, wobei eine hohe Dunkelziffer anzunehmen ist. Es dauert häufig sehr lange, bis eine solche Erkrankung aufgeklärt wird: Durchschnittlich 7-8 Jahre. Das ist der entscheidende weibliche Faktor, weshalb es nicht zu einer Schwangerschaft kommt. Bei der gynäkologischen Untersuchung können auch Risikofaktoren erkannt werden, die den Transport des Eies durch die Eileiter behindern können. Dies betrifft z. B. voroperierte Frauen, Raucherinnen oder Frauen, die wiederholt Infekte, wie Chlamydieninfektionen, im kleinen Becken hatten.

Der Weg zum Wunschbaby: Medizinische Unterstützung

Das Ziel bleibt eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg. Um dies zu erreichen, ist manchmal medizinische Unterstützung hilfreich. Eine kompetente medizinische Unterstützung kann die psychische Belastung reduzieren und verhindern, dass auf dem Weg zum Wunschbaby wertvolle Zeit verloren geht.

Quellen:

Flyckt R, Falcone T. Infertility: A practical framework. Cleve Clin J Med. 2019; 86 (7) :473-482

Faller A, Schünke M. Der Körper des Menschen. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York 2020

Frank-Herrmann P,  Freis A, Freundl-Schütt T et al. Zyklus-Apps: zur Verhütung, zum Kinderwunsch oder doch nur Menstruationskalender? J Gynäkol Endokrinol 2021; 31: 19–24

Grenfell P, Tilouche N, Shawe J et al. Fertility and digital technology: narratives of using smartphone app ‚Natural Cycles‘ while trying to conceive. Sociol Health Illn. 2021; 43 (1): 116-132

Freis A, Freundl-Schütt T, Wallwiener LM et al. Plausibility of Menstrual Cycle Apps Claiming to Support Conception. Front Public Health. 2018; 6: 98. doi: 10.3389/fpubh.2018.00098

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Ungewollte Kinderlosigkeit 2020

Statistisches Bundesamt 2021. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Geburten/Tabellen/geburten-mutter-alter-bundeslaender.html, abgerufen am 13.09.2021

https://medicalforum.ch/de/detail/doi/smf.2019.08391, abgerufen am 07.09.2021,

Feiler J. Social Freezing – Reproduktionsmedizin im Spannungsfeld zwischen Risiko, Moral und Verantwortung. Springer Fachmedien Wiesbaden, 2018

Chronopoulou E, Raperport C, Sfakianakis A et al. Elective oocyte cryopreservation for age-related fertility decline. J Assist Reprod Genet 2021; 38 (5): 1177-1186

Varlas VN, Bors RG, Albu D et al. Social Freezing: Pressing Pause on Fertility. Int J Environ Res Public Health 2021; 18 (15): 8088

Foto: Adobe Stock/ Jenny Sturm