Grübeln scheint eine häufige, aber nicht besonders hilfreiche Methode zu sein, mit Stress und Leid umzugehen. Dabei ist diese Denkweise wohl ein wesentlicher Faktor bei psychischen Erkrankungen wie Depression und Ängsten. Frühere Studien zeigten, dass Achtsamkeit, also den Moment aufmerksam und ohne zu bewerten wahrzunehmen, gegen zu viel Grübeln half. Achtsamkeit wiederum scheint bei prosozialen Menschen ausgeprägter zu sein. Forscher ermittelten nun, ob sie bei Grüblern prosoziales Denken fördern und so mehr Achtsamkeit stimulieren konnten. In einer separaten Untersuchung ermittelten sie auch, dass prosoziales Verhalten einen moderierenden Effekt zwischen Grübeln und Achtsamkeit haben kann. Hilfsbereitschaft scheint demnach ein Mittel zur Selbsthilfe zu sein.

Grübeln ist eine Methode, mit Stress und Leid umzugehen. Grübeln scheint allerdings keine besonders hilfreiche Methode zu sein, sondern ein wesentlicher Faktor bei psychischen Erkrankungen wie Depression und Ängsten. Frühere Studien zeigten, dass es gegen zu viel Grübeln half, die Achtsamkeit zu fördern. Mit Achtsamkeit, oft auch mit dem englischen Begriff Mindfulness aufgeführt, ist die selbständige Regulierung der Aufmerksamkeit im Moment gemeint, so dass der Moment ohne Kritisieren und Analysieren der Situation wahrgenommen wird. Dies bedeutet auch, dass in diesem Moment nicht über vergangene Dinge nachgedacht wird – das Gegenteil des Grübelns, bei dem häufig ein Vergleich der aktuellen Lage mit einem unerreichten Ziel in Vergangenheit oder Zukunft stattfindet.

Menschen, die sich besonders prosozial verhalten, also hilfsbereiter sind, zeigten in bisherigen Untersuchungen einen höheren Grad an Achtsamkeit. Könnte also prosoziales Verhalten Personen mit starker Neigung zum Grübeln helfen, achtsamer zu sein?

Hilft prosoziales Denken und Verhalten gegen Grübeln?

Dies untersuchten Forscher nun, indem sie stark grüblerische und weniger grüblerische Teilnehmer zu prosozialem Verhalten brachten und in diesem Moment ermittelten, wie sehr ihre Aufmerksamkeit dem Prinzip Achtsamkeit entsprach. Aus 200 Teilnehmern ermittelten die Wissenschaftler 51 starke und 53 schwache Grübler. Jeweils die Hälfte wurde einer Prosozialgruppe und einer Kontrollgruppe zugeordnet.

Die Teilnehmer der Prosozialgruppe erhielten dazu einen Denkauftrag, und zwar individuell auf einer Karte aufgeschrieben. Eine Person in einer schwierigen Lage, beispielsweise ein neuer Mitschüler mit Sprachbarrieren, wurde beschrieben. Die Teilnehmer sollten sich diese Situation genau vorstellen und überlegen, wie sie der Person helfen könnten. Dieser Auftrag war dazu gedacht, die Aufmerksamkeit auf eine andere Person zu richten und darauf, jemand anderem zu helfen.

Teilnehmer in der Kontrollgruppe erhielten stattdessen einen Denkauftrag, der ablenken sollte und nicht auf soziale Unterstützung für andere ausgerichtet war. Beispielsweise wurde eine Situation wie etwa ein Schiff, das Kurs auf eine Küste hin nahm, beschrieben, die die Teilnehmer sich genau vorstellen sollten. Vor und nach dieser Aufgabe füllten die Teilnehmer einen Achtsamkeits-Fragebogen (Mindful Attention Awareness Scale, MAAS) aus.

Was fördert Achtsamkeit mehr, Stimulation prosozialen Denkens oder Ablenkung?

Bei allen Teilnehmer erhöhte sich die Achtsamkeit im Vergleich zum jeweiligen Stand vor dem Denkauftrag – der Effekt war jedoch größer in der Gruppe, die sich in eine helfende Situation eindenken sollte (F(1, 102)=15,21, p < 0,001), als bei der Kontrollgruppe (F(1, 102)=9,04, p < 0,001). Bei stark grübelnden Teilnehmern war der Unterschied in der Achtsamkeit vor und nach dem prosozialen Denkauftrag signifikant größer als bei starken Grüblern in der Kontrollgruppe (F(1, 102)=14,84, p < 0,001).

Vergleich von prosozialem Verhalten, Grübeln und Achtsamkeit bei jungen Erwachsenen

In einem zweiten Experiment ermittelten die Forscher in einer Gruppe von 300 Studenten, in welchem Zusammenhang Grübeln, Achtsamkeit und Neigung zum prosozialen Verhalten stehen könnten. Dazu füllten die Teilnehmer verschiedene Fragebögen aus.

Dabei zeigte sich, dass Grübeln signifikant mit Achtsamkeit korrelierte. Ebenso korrelierte prosoziales Verhalten mit Achtsamkeit. In einer Moderationsanalyse ermittelten die Forscher, wie sich diese Elemente gegenseitig beeinflussen könnten. Dabei ergab sich, dass Personen, die besonders stark grübelten, um so achtsamer waren, je stärker sie auch prosozial ausgerichtet waren. Prosoziales Verhalten kann nach diesen Ergebnissen einen moderierenden Effekt zwischen Grübeln und Achtsamkeit haben (R2 = 0,03, p=0,004).

Prosoziales Verhalten fördert Achtsamkeit bei Grüblern

Die Autoren schließen, dass die Förderung prosozialen Verhaltens ein effektiver Weg sein kann, Achtsamkeit bei stark grübelnden Menschen zu fördern – und so auch einen problematischen Faktor bei Depression und Ängsten abzumildern.


Referenz:
Meng, Yao, and Gang Meng. “Prosocial Behavior Can Moderate the Relationship Between Rumination and Mindfulness.” Frontiers in Psychiatry 11 (April 17, 2020). https://doi.org/10.3389/fpsyt.2020.00289.